Spuren der Vergangenheit

Halle im Jahr 1899. In Halles besserer Gesellschaft herrscht Empörung. Die renommierte Baufirma Schönemann & Schwarz hat unter der Bezeichnung „Villa mit Wirtschaftsgebäude für Herrn Ingenieur H. Thumann“ am 11. Dezember 1899 Baupläne für ein neues Vorhaben eingereicht. Nun machen erste Details die Runde und sorgen für Unmut. Zu prachtvoll, zu schlossartig sind die Entwürfe des Baus, der die bereits vorhandenen großbürgerlichen Villen des eleganten Viertels überragen und auf die gesellschaftlich gehobene Stellung des Eigentümers verweisen soll. Dem vorbei flanierenden Betrachter bliebe lediglich einen Blick von untergeordneter Stellung.

In Auftrag gegeben war der herrschaftliche Bau vom Unternehmer Heinrich Thumann. Und jener hatte ganz genaue Vorstellungen von dem, was die Architekten zum Machbaren führen sollten: Auf einem Felsen thronend, inmitten eines repräsentativen Eckgrundstücks, bekrönt allseits mit Zinnen, versehen mit hohem Eckturm, Balkonen, Erkern und großzügig dimensionierten Bleiglasfenstern. Die vorgelagerte Remise, ebenfalls mit Turm und Zinnen, sollte dem Anwesen den malerisch romantischen Burgcharakter verleihen.

Dem abenteuerlichen Aussehen der Architektur entsprach auch das Innere. Das Erdgeschoss zeigt eine asymmetrisch-freie Anordnung vielgestaltiger Repräsentationsräume rund um eine imposante Treppenhalle, die Wand und Räume sollten Formen der Neugotik und des Art Deco enthalten. Spätgotik außen, Neugotik innen – und das gepaart mit modernster Technik: einer Sammelheizung und – mit der Genehmigung der Baupolizeiverwaltung vom 7. April 1900 – der Erlaubnis zur Errichtung eines Wasserklosetts. Thumann setzte seine Pläne durch. Er schuf mit seinem riesigen Haus das aufwändigste neugotische Unternehmerschloss der Händelstadt. Ein architektonisches Juwel, das noch 100 Jahre später das anspruchsvollste und einzig erhaltene Beispiel für den romantischen Burgenstil der Stadt Halle sein würde.


Die Faszin(n)ation der Architektur

Sie sind eine Besonderheit des eindrucksvollen Baus – die allseitig aufgesetzten Zinnen. In der Antike und im Mittelalter ein Zeichen wehrhafter Bauteile, die an Befestigungsanlagen von Stadtmauern und Burgen Schutz vor dem Feind und Deckung bei der Verteidigung boten. In den folgenden Epochen hatten die im Mittelhochdeutschen auch als Wintberge bezeichneten Zinnen eine andere Bedeutung: Ein Zinnenkranz galt lange Zeit als weithin sichtbares Zeichen der hohen gesellschaftlichen Stellung des Burgbesitzers. Ein herrschaftliches Symbol der Macht. War es die Faszination dieser baulichen Elemente, die Heinrich Thumann bewog, sein Haus damit zu bekrönen? War es deren symbolträchtige Machthinweise? Das Anliegen des Bauherrn Thumann, seine Burg mit den in die Höhe ragenden Zinnen auszustatten, fand bei den Stadtvätern anfänglich keine Zustimmung. Doch der tiefbohrende Unternehmer mit Hang zur Symbolik konnte die Stadtoberen davon überzeugen, dass der allseitige Zinnenkranz dem Bauwerk würdig war.


Wechselvolle Zeiten: Vom Funktionärssitz zum Stadtschloss

Zu Zeiten der DDR wurde Thumanns Prachtbau Sitz des Deutschen Turn und Sportbundes (DTSB) – und sportlich dessen Bedürfnissen angepasst. Die Modernisierung unterlag offensichtlich nur einer Regel: Pragmatismus. Rohre der Heizungsanlage wurden dort durch Decken gestoßen, wo es effizient erschien, Elektro- und Telefonleitungen per kürzestem Weg über Putz verlegt und gebohrt. Die Folgen für Teile der prachtvollen Stuckarbeiten und Wandvertäfelungen waren fatal. Doch die Funktionäre und Genossen schätzten anderseits die repräsentative Wirkung der originalen Einbauten und Vertäfelungen ihrer Büros auf Besucher. Bis auf kleinere Arbeiten, wie mit Holzbrettern vernagelte Flügeltüren oder für den Einbau von Steckdosen herausgerissene Vertäfelungen, blieb die prachtvolle Beletage erhalten. Eine besondere Art der Dämmung in dieser Etage war dagegen mit viel Aufwand betrieben worden. Um Türen lauschsicher gegen ungewollte Zuhörer zu machen, wurden unter anderem Schlafmatratzen als Füllstoff verwendet, die bei der Freilegung 2011 zum Vorschein kamen. Ebenso wie über 300 Meter fast unsichtbare Kabel, die aufwändig hinter Wandverkleidungen und Holzleisten versteckt worden sind und sich in der unteren Etage durch alle Räume zogen. Nach der Auflösung des DTSB stand das Haus längere Zeit leer, bevor der Landessportbund einzog. Bis zur Olympiabewerbung Leipzigs, an der sich auch die Stadt Halle beteiligte, residierten hier Mitarbeiter des Olympiabüros – zuletzt ganze drei auf 800 qm². In den 90er-Jahren wurden durch den Alteigentümer einige sichtbare Teile des Baus wie Fassade und Porphysockel saniert. Was die Villa zu Beginn des letzten Jahrhunderts einmalig machte, wurde ihr 100 Jahre später zum Verhängnis: der Status als „Einfamilienhaus“. Das Gebäude galt ohne gravierende bauliche Eingriffe als nicht nutzbar. Ein Umbau zum Mehrfamilienhaus wurde vom Denkmalschutzamt abgelehnt, eine Sanierung war somit finanziell nicht lukrativ. Über Jahre stand das Gebäude, das zwischenzeitlich einer Immobilienfirma aus Westdeutschland gehörte, leer und verfiel zusehends. Erst im Jahr 2010 fanden sich neue Eigentümer, die sich seitdem mit großem Engagement um den Erhalt dieses für Halle einzigartigen Baudenkmals bemühen.

  • Zu DDR-Zeiten bot die Villa Thumann ein trauriges Bild.

  • Jeder Tropfen brachte das Fass näher zum Überlaufen - und hinterließ tiefe Spuren in der Bausubstanz.

  • Die Remise Anfang der 90er-Jahre: Dass dieses Haus einmal zu den schönsten der Händelstadt zählen wird, war damals kaum vorstellbar.

  • Nach dem Umbau 1927 vom Pferdestall zur Chauffeurswohnung passierte fast 70 Jahre lang - nichts.

  • Der Stadtschloss-"Schatz": Als die neuen Eigentümer 2010 das Gebäude übernahmen, stießen sie auf einen noch immer verschlossenen DDR-Safe. Inhalt: Akten des DDR-Sportbundes sowie Unterlagen zur Kreisdelegiertenkonferenz aus dem Jahr 1978.

  • Sanierung eines Wahrzeichens. Der zinnenbekrönte Turm sollte einst dem Gebäude einen burghaften Charakter verleihen und die gesellschaftliche Stellung des Bauherren symbolisieren.

  • Der alte Speisenaufzug führte vom Keller bis ins Obergeschoss, ein weiterer war vom Bauherr für den Transport des Weins aus dem Keller in den Herrensalon eingebaut worden.

  • Blick ins Innerste: Anfang der 90er-Jahre begann die erste, im wahrsten Wortsinn tiefgehende Sanierungsphase des Stadtschlosses.


Der Bauherr: Auf dem Weg zum Mittelpunkt der Erde

Vor den Augen der staunenden Landbevölkerung bohrten Unternehmen 1897 in Saalhoff ein Loch in die Erdoberfläche. Führend daran beteiligt war die Firma Heinrich Thumann aus Halle, jenem Bauherr der gleichnamigen Villa, Ingenieur für Tiefbohrungsverfahren und Inhaber eines seinerzeit führenden Unternehmens für Erdbohrungen. Die Ergebnisse dieser ersten Bohrungen, die sich insgesamt über zehn Jahre hinziehen sollten, sind nicht im Einzelnen überliefert. Dafür die einer Bohrung bei Oldisleben, wo die Hallesche Tiefbohrgesellschaft ein 309 bis 690,5 Meter tiefes Kalilager verfehlte. Erst eine weitere Bohrung in der „Eselsgasse im Eingangstal zum Möllendorf“ erschloss schließlich in 502,45 bis 522,75 Meter Tiefe große Salzlager.

Einer Rechnung zufolge gelang es Thumann am 9. Oktober 1903 die mit 1.613 Metern tiefste Privatbohrung der Welt durchzuführen. Und sicherte sich dabei auch den damaligen Weltrekord welcher die benötigte Zeit betraf; die ersten 1.360 Meter in 82 Tagen! Im Jahr 1907 gelang es Thumann mit einer Bohrung so tief in das Erdinnere vorzudringen, wie es nie zuvor ein Mensch geschafft hatte.

Geboren wurde der tatkräftige Thumann 1846 oder 1847 (hier widersprechen sich die Aufzeichnungen) in Cottbus, in Halles Adressbüchern tauchte er erst 1900 auf. Abgesehen von seinen Bohrungen und seinem Prachtbau machte er (wenn auch deutlich unspektakulärer) als Stadtrat und Mitglied des Magistrats von sich Reden.

Im Alter von 66 Jahren starb der Visionär, in seinem Nachruf wurde er als Mann von zährer Arbeitskraft beschrieben.